Provokation als Stilmittel

Veröffentlicht am 09.10.2010 in Pressemitteilungen

Vortrag und Diskussion über den umstrittenen Autor Thomas Bernhard

Auf Einladung des Juso-Kreisverbands hielt der Literaturwissenschaftsstudent Christian Heinrich vergangenen Freitag einen gut besuchten Vortag im Eugen-Loderer-Zentrum über den österreichischen Autor Thomas Bernhard, wobei sowohl auf seinen Lebensweg, als auch auf den Inhalt seiner Texte und seine Stilmittel eingegangen wurde,

das Hauptaugenmerk lag jedoch den gesamten Abend auf der harschen Kritik Bernhards am Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere auf sein Theaterstück „Heldenplatz“ wurde intensiv eingegangen, in welchem dem modernen Österreich tiefgehende nationalsozialistische Tendenzen nachgesagt werden, was zum Teil in einer ausgesprochen provozierenden Sprache zum Ausdruck gebracht würde. Die im gesamten Spätwerk Bernhards vorhandene, bis hin zu harschen Beleidigungen führende Provokation sei, so Heinrich, nicht als wortwörtlicher Ausdruck der tatsächlichen Meinung Bernhards zu verstehen, sondern vielmehr als Stilmittel zu klassifizieren. Dass Bernhard es vor allem durch diese drastische Sprache geschafft habe, eine breite Aufmerksamkeit für seine antinationalsozialistischen Thesen zu finden, sei eine objektive Wahrheit. Es sei hingegen fraglich, ob die Schärfe der Kritik Bernhards für eine spätestens mit den Äußerungen des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Österreichs Franz Vranitzky, dass auch das österreichische Volk eine Mitschuld am Nationalsozialismus habe, angestrebte Aufarbeitung des Nationalsozialismus in unserem Nachbarland wirklich genutzt habe.
Im Anschluss an den Vortrag wurde lebhaft seitens der Besucher über die Person und das Werk des Autors gesprochen. Die seinerzeit erhobenen Forderungen nach einem Vorgehen gegen den Autor trafen dabei auf Unverständnis und Ablehnung, denn, so die einhellige Meinung der Diskutanten, gerade anhand problematischer Fälle lasse sich erkennen, ob man die Freiheit der Kunst ernst nehme oder nur für eine inhaltsleere Floskel halte. Auch wenn, so das Credo der Veranstaltung, einige seiner Thesen sicherlich ausgesprochen fragwürdig seien, sei die Qualität der Texte Bernhards doch so hoch, dass man auch heute nicht umhin komme, sich mit dem Werk des vor einundzwanzig Jahren verstorbenen Autors zu beschäftigen.

 
 
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